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Geschichte des Glases Teil 2
Die Geschichte des Glases in unserem Jahrhundert ist
eine Dokumentation der Automatisierung der Glasproduktion. Die Mechanisierung
eines Handwerks wurde eingeleitet durch englische Erfindungen zur
Pressglasherstellung. Erstmals war es möglich, Schalen und Teller zu
fertigen, die einfach zwischen einer konkaven Metallform und einem in diese
hinabgesenkten konvexen Stempel entstanden.
Durch das Verfahren wurde der Glasschnitt imitiert, d.h.
Oberflächenstrukturen, die bis dahin durch separates Schleifen erzeugt
wurden, konnten in einem Arbeitsgang hergestellt werden. Die Weiterentwicklung
des Pressverfahrens leitete zum Press-Blas-Verfahren über, wobei der ursprüngliche
Prozess als Vorformstadium fungierte; das Fertigformen geschah nach Rückerwärmung
des mittlerweile abgekühlten Glases durch Blasen.
Die erste vollautomatisch arbeitende Hohlglasmaschine
wurde von dem Amerikaner Owens 1903 in Betrieb genommen. Sie arbeitete nach
dem Saug-Blas-Verfahren, d.h. der Glasposten wurde mit Hilfe von Saugluft in
die Metallform gesogen und mit einem automatischen Messer abgeschnitten. Ein
in die Form ragender Pegel erzeugte einen Hohlraum im Glas. Öffnung der
Vorform, Rückerwärmung und gleichzeitige Vergrösserung des Hohlraumes durch
Blasen, Einschwenken des Külbels in die Vorform, Fertigblasen waren die
weiteren Fertigungsschritte.
Ein Nachteil des Verfahrens war allerdings, dass das
nach dem Saugen mit einem Messer abgeschnittene, zähflüssige Restglas in die
Schmelze zurückfiel und die Viskosität des Glases beeinflusste.
Die erste Owens-Maschine hatte eine Kapazität von 9
Flaschen in der Minute. Sie ist zu den bedeutendsten Maschinenentwicklungen
der Ingenieurgeschichte zu rechnen und gilt als einer der ersten Vollautomaten
überhaupt. Im Jahr 1907 wurde das Patent vom Europäischen Verband der
Flaschenfabriken für 12 Millionen Mark gekauft.
1925 kam die nächste Generation der Hohlglasmaschinen
auf den Markt: eine von Ingle und Smith gebaute, nach dem Blas-Blas-Verfahren
arbeitende IS-Maschine.
Bei diesem Verfahren fällt der von einem Tropfenspeiser
gebildete Tropfen in die Vorform, wird von unten gegen den aufgesetzten
Vorformboden geblasen und anschliessend als Külbel in die Fertigform
geschwenkt, rückerwärmt und fertiggeblasen. Auf diese und mittlerweile
leicht modifizierte Art werden heute europaweit täglich ca. 7 Millionen
Hohlgläser gefertigt.
Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde Fensterglas
entweder als Butzenscheibe oder als Streckglas erzeugt; beides Verfahren, die
den Einsatz der Glasmacherpfeife zur Grundlage haben.
Der zur Weltausstellung 1851 in London konstruierte
sogenannte Kristallpalast war mit 270'000 solcher Streckglasscheiben verglast
worden. Zur Herstellung von Spiegeln benutzte man ein durch Giessen und Walzen
entstandenes Glas, dessen Oberfläche jedoch geschliffen und poliert werden
mussten. Noch 1895 schrieb Max Vopelius, Sohn einer bekannten saarländischen
Glasmacherfamilie, in seiner Dissertation: "Wohl sind hier und da
Versuche mit Rotations- und Blasmaschinen gemacht worden, doch immer ohne
Erfolg; das Gelingen der Hauptprozesse hängt eben lediglich von der manuellen
Geschicklichkeit des Arbeiters, verbunden mit einer gewissermassen liebevollen
Behandlung seines Arbeitsobjektes ab; eine Schematisierung des Prozesses ist
unmöglich, eine individuelle Arbeit ist geboten".
Diese Aussage hatte nur noch für eine kurze Zeit Gültigkeit,
denn spätestens 1923 setzten Pilkington und Ford ein gegenüber dem
Tisch-Prozess kontinuierliches Guss-Walz-Verfahren zur Herstellung von
Windschutzscheiben für Ford-Automobile ein.
Werden diese Walzen mit einem eingravierten Muster
versehen, lässt sich auf diese Weise sogenanntes Ornamentglas (z.B.
Blumenglas) herstellen, wird zusätzlich ein Drahtgeflecht zwischen Walzenpaar
gebracht, entsteht Drahtglas oder Draht-Ornamentglas.
Völlig neue Wege beschritt der Belgier Fourcault. 1904
glückte es ihm zum ersten Mal, eine Glastafel unmittelbar aus der Schmelze zu
ziehen. An die Stelle der mundgeblasenen Walze trat jetzt ein endloses
Glasband, das durch eine in die Glasschmelze getauchte Ziehdüse aus
feuerfestem Material hindurch senkrecht nach oben gezogen wurde. Damit sich
das glühende Band durch seine Oberflächenspannung nicht zusammenzog, musste
es unmittelbar nach der Ziehdüse mittels wasserdurchflossener Rohre soweit
abgekühlt werden, dass es von im Ziehschacht angebrachten Rollenpaaren nach
oben transportiert werden konnte. Am oberen Ende des sieben Meter hohen Kühlschachtes
trat das Glas abgekühlt und entspannt aus und konnte zugeschnitten werden.
Die Glasdicke wurde durch die Ziehgeschwindigkeit geregelt. Diese Methode ist
nach 10-jähriger Weiterentwicklung 1914 zum ersten Mal in der Industrie
eingesetzt worden. Durch Installationen eines weiteren Schmelzgefässes, kann
in einem Arbeitsgang ein Überfangglas hergestellt werden, das z.B. eine
weisse Opalschicht auf farblosem Grundglas möglich macht.
Der Amerikaner Colburn entwickelte eine Methode, die
seit 1917 unter dem Namen Libbey-Owens-Verfahren bekannt ist. Colburn
verwendete im Gegensatz zu Fourcault keine Ziehdüse. Das Glas wird mit einer
Fangvorrichtung anfangs direkt aus der Wanne gezogen. Nach einem Weg von ca.
70 cm läuft das noch weiche Glasband über eine polierte Stahlwalze, wird in
die Horizontale umgelenkt und durchläuft anschliessend den Kühlkanal. Auf
diese Weise werden Ziehstreifen und -wellen, wie sie durch die Ziehdüse des
Fourcault-Verfahrens ausgelöst werden, vermieden; ausserdem kann mit der
Ziehgeschwindigkeit gefahren werden. Diese und weitere Verfahren wurden durch
eine revolutionäre Herstellungsmethode weitgehend ersetzt: dem
Floatverfahren.
Die Idee, Glas auf Metallschmelzen herzustellen, ist
nicht neu. Schon Mitte des vorigen Jahrhunderts schlug Henry Bessemer (1813 -
1898) das heute verwendete Zinn vor. William E. Heal beschreibt in seinem
Patent von 1902 die kontinuierliche Glaszufuhr auf eine Zinnschmelze, das
Ziehen des Glases und anschliessendes Kühlen. Das in den Jahren 1952 bis 1959
mit einem erheblichen Kostenaufwand in England von Pilkington entwickelte
neuartige Verfahren sollte nur als Ersatz für die sehr aufwendige
Spiegelglasherstellung eingesetzt werden. Es zeigte sich jedoch bald, dass die
hervorragende Qualität des hergestellten Glases alle anderen
Herstellungsarten überflüssig machte.
Beim Floatverfahren wird die Tatsache ausgenutzt, dass
sich bei zwei untereinander nicht mischbaren Flüssigkeiten die spezifisch
leichtere in Form eines Films oder einer Linse auf der schwereren ausbreitet.
Das bedeutet, dass die Glasschmelze nachdem sie ihre Verarbeitungstemperatur
erreicht hat, auf ein Bad von geschmolzenem Zinn läuft. Unter Einfluss der
Schwerkraft und der Oberflächenenergien bildet sich eine völlig ebene
Grenzfläche aus und auch die Oberseite des Glasblattes hat eine optimale
Glattheit. Das Glasband kühlt auf dem Zinnbad auf ca. 600°C ab, wird
kontinuierlich vom Zinnbad abgezogen, dem Kühlofen zugeführt, automatisch
kontrolliert und geschnitten.
Die Glasdicke ist steuerbar zwischen 1 und 12 mm durch
die Winkelverstellung der Top Roller genannten Zahnräder und zwischen 12 und
20 mm durch die Installation von nicht benetzbaren Randleisten, sogenannten
Fendern bestehend aus Graphit. Moderne Floatglasanlagen produzieren ca. 3000
Quadratmeter Glas pro Stunde nach diesem Verfahren.
Ebenso wie bei den vorgenannten
Glasherstellungsverfahren wurde auch das Glasrohr bis in das 19. Jahrhundert
hinein ausschliesslich diskontinuierlich, d.h. aus einer Charge oder einem
Glasposten mundbläserisch hergestellt. Von E. Danner, Libbey Glass Company,
USA, wurde ab 1912 das erste kontinuierliche Röhrenziehverfahren entwickelt
und 1918 mit einem Patent abgeschlossen.
Die Glasschmelze fliesst als Band auf einen schräg nach
unten geneigten, rotierenden keramischen Hohlzylinder, die "Dannerpfeife"
auf. Durch das Pfeifeninnere wird Druckluft zugeführt und das sich bildende
Glasrohr kontinuierlich in Richtung der Pfeifenachse unter Bildung der
Ziehzwiebel abgezogen. Die Rohrdimensionen werden im wesentlichen vom
Blasdruck und der Ziehgeschwindigkeit bestimmt. Bei konstanter
Ziehgeschwindigkeit führt eine Erhöhung des Blasluftdrucks zu Röhren mit grösseren
Durchmessern und geringeren Wandstärken, dagegen erzeugt eine Erhöhung der
Ziehgeschwindigkeit bei konstanter Blasluftzufuhr Röhren mit kleinerem
Durchmesser aber grösseren Wandstärken. Nach Umlenkung der gezogenen Röhre
in die Horizontale durchläuft das abgekühlte Rohr eine Rollenbahn bis zur
Ziehmaschine, hinter der durch Abschlagen eine Trennung in ca. 1,5 m lange Stücke
erfolgt. Die nach diesem Verfahren hergestellten Rohrdurchmesser liegen
zwischen 2 und 60 mm.
1929 stellte L. Sanches-Vello in Frankreich ein
Vertikalziehverfahren vor, bei dem das Rohr zunächst senkrecht nach unten in
einem temperaturgeregelten Schacht abgezogen und dann in die Horizontale
umgelenkt wird. Da hierbei ungleichmässige Wandstärken entstehen würden,
wird der kegelige Düsendorn exzentrisch zur Ziehdüse eingestellt, so dass
das Rohr anfangs verschiedene Wandstärken aufweist, die sich nach dem
Umbiegen ausgleichen.
Die herstellbaren Rohrdurchmesser liegen zwischen 1,5
und 70 mm, ähnlich wie beim Danner-Verfahren, jedoch ermöglicht das
Vello-Prinzip einen höheren Durchsatz. Ausserdem ist es besser geeignet für
die Röhrenherstellung aus Gläsern mit leicht flüchtigen Bestandteilen wie
Borate und Bleioxide, da die Temperaturen an der Ziehdüse niedriger liegen
als in der Danner-Muffel.
Mit dem Abwärtsziehverfahren, einem modifizierten
Vello-Verfahren, ist es möglich, Rohre mit einem Durchmesser von bis zu 350
mm und Wanddicken von 2 bis 10 mm herzustellen. Die Umlenkung des Rohres entfällt
aus naheliegenden Gründen; die Ziehgeschwindigkeit für ein Borosilikatglas
mit 350 mm Durchmesser beträgt 0,3 m/min.
Damit sei der Reigen von Verfahren, die eine
Automatisierung der Glasproduktion in unserem Jahrhundert bezüglich Hohlglas,
Flachglas und Rohr möglich gemacht haben, geschlossen.
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